Gemeinde leben

Evangelische Kirchengemeinde Oberpleis

 
 

Weniger ist mehr - Wachsen gegen den Trend

Kommen wir eigentlich ohne Zuwachsraten in unserem Leben nicht mehr aus?

Ohne Wachstum geht es nicht – konstatieren die Ökonomen. Wenn es für wirtschaftliche Strategien und Zukunftsoptimierung gängige Ansicht sein mag – wenngleich es hinreichend Alternativvorschläge gibt -, gilt das auch für unser ganz alltägliches Leben?
Oder hat das Programm „Weniger ist Mehr“ für Körper, Seele, Geist nachhaltiges Gewicht?

Es lohnt sich, diese alte, unendliche Geschichte noch einmal neu betrachtet: diese alte Geschichte vom Turmbau zu Babel, von der die Bibel auf den ersten Seiten berichtet um deutlich zu machen, was den Menschen seit jeher antreibt: Grenzen zu überschreiten um alle Möglichkeiten, die in ihm angelegt sind auszuloten und dann zu erfahren, dass jedes Maß verloren ist, wenn die Gier maßlos und die Macht grenzenlos geworden ist.

Es ist eine Geschichte von den Grenzen. Von unantastbaren, sinnvollen, schützenden und überflüssigen Grenzen, solchen, an denen Menschen sich wundreiben, immer wieder und immer neu, andere, die sich plötzlich verschieben und den Blick auf Neues freigeben.

Grenzen als Setzungen und als Aufgabe, Grenzen zwischen Anmaßung und Sehnsucht.
Immer höher, immer weiter, immer mehr... das kenne ich von mir selbst und auch aus dem gesellschaftlichen Kontext. Es scheint sogar die neue Triebfeder globaler Zielsetzung zu sein.

Diese alte, sich stets wiederholende Geschichte macht deutlich, wie aus vermessenen Machtmenschen heimatlose Himmelsstürmer werden. Und wenn es dann eine Moral der Geschichte gibt, kann diese lauten: Brücken bauen zueinander, statt Türme, die nur in den Himmel ragen.

Ein Stockwerk tiefer
Wo sind meine Grenzen?
Wer setzt sie mir und welche habe ich mir selbst gezogen? Welche machen mich wütend und ohnmächtig, obwohl sie vielleicht sinnvoll sind - welche akzeptiere ich fraglos, obwohl sie mir Gewalt antun und schaden?

Spüren wir unsere Grenzen, dann sagen wir hoffentlich: Umkehren, ein Stockwerk tiefer bitte,
vielleicht gleich bis ins Fundament! Stimmt noch alles, in der Tiefe meines Körpers und meiner Seele? Oder müsste ich sorgsamer mit mir umgehen?

Und dann: Nicht weiter, sondern näher bitte.

Und dann: Nicht mehr, sondern weniger bitte!

Weniger Zeit für das Mehr an Trends oder Verführungen, oder Medien.
Was brauche ich wirklich an diesen Dingen, und was stapelt sich einfach, sinnlos, turmhoch,bindet meine Kräfte und nimmt mir den Blick auf das Wesentliche -

und auf die Menschen,

und auf das Um-mich-herum.

Ohne das Ziel nach oben gibt es den langen Weg zurück zu mir. Es ist wirklich eine schwere Übung. Eine Einübung, den Kniefall zu verweigern vor der Macht des Immer-weiter-so.
Aber ich gewinne Zeit. Zeit, in der ich mich in mich hinein knien kann. Wo verläuft für mich, in mir, die Grenze zwischen Wachsen und Verzicht?

Ich brauche Visionen davon, was jenseits der Grenzen des Wachstums, denen ich mich ja immer, und warum eigentlich wie selbstverständlich  immer freiwillig unterwerfe.
Ein Stockwerk tiefer will ich anfangen. Und dann immer mehr ein Stückchen zurück. Damit ich Grundlegendes entdecke. Grundlegendes  womöglich freilege.

Das könnte etwas ganz neues bedeuten: dem Drang nach oben  widersetzt sich der Drang, endlich einmal meine Sehnsucht ins Spiel zu bringen. Nicht gegen die Wünsche leben. Geb’ ich meine Wünsche frei, dann muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.
Setze ich meine Sehnsucht frei, dann ist auch Überschreitung möglich. Transzendenz meint im Übrigen nichts anderes.

Und dann hat der Glaube auf einmal seine Spielräume. Er kann sich neu entwerfen. Ich lass ihm einfach einmal diese Möglichkeit.