Gemeinde leben

Evangelische Kirchengemeinde Oberpleis

 
 

Der Glaube und die Kinder

ein Interview mit unserer Presbyterin und Grundschul-Religionslehrerin Simone Weiler von Irmgard Granitzki und Bernhard Niemann


Seit den Presbyteriumswahlen im März 2020 gehört Simone Weiler dem Presbyterium der Evangelischen Kirchengemeinde Oberpleis Presbyterium an. 

Sie unterrichtet Religion und Deutsch als Zweitsprache an einer Grundschule. Da liegt es nahe, von ihr mehr über das wichtige Thema   zu  erfahren,   wie   das   Wissen  über Religion und insbesondere wie der Glaube jungen Menschen vermittelt werden. Darüber sprachen Irmgard Granitzki und Bernhard Niemann mit ihr.


Wie hat das denn nun angefangen – das Verständnis für und das Kennenlernen der Grundlagen unseres christlichen Glaubens? 

Die Taufe ist ja erst der von den Eltern bestimmte Beginn der Aufnahme in eine religiöse Gemeinschaft. Es folgen danach weitere Aufnahmen, so der Beginn der Schulzeit, in der Wissen über die Religion und der Glaube daran vermittelt werden. 

Dazu möchten wir Ihnen einige Fragen stellen.


Geht es bei Ihrem Religionsunterricht ausschließlich um den christlichen Glauben oder besprechen Sie auch andere Religionen?


Der Lehrplan sieht vor, verschiedene Religionen zu betrachten. Die Kinder   sollen   die   5 Weltreligionen kennen lernen. 

Der Schwerpunkt liegt dabei auf den 3 monotheistischen Religionen. Ich möchte die Gemeinsamkeiten   mit   den   Kindern   entdecken. Diese drei Religionen verbindet der Glaube an einen Gott. 

Aber: Gott hat viele Namen. 

Dabei lasse ich die Kinder erst einmal aufschreiben, was sie über ihre Religion wissen. 

Wenn man Glück hat, besuchen auch muslimische und jüdische Kinder den Religionsunterricht. Sie können als  „Experten“  zur Vorstellung   ihrer Religion beisteuern.  

Auch  weitere Religionen und Glaubensrichtungen können besprochen werden. Mir ist sehr wichtig, dass die Kinder lernen, dass jeder Mensch das Recht hat zu glauben, was er oder sie möchte

Worauf man sich stützen sollte, sind die Gemeinsamkeiten, nicht die Unterschiede. Es steht uns nicht zu, jemanden wegen seines Glaubens zu bewerten. Voneinander lernen, indem man sich austauscht, Fragenstellt und zuhört, sind  Voraussetzungen für das Gelingen einer Gesellschaft. Ich hoffe, in meinem Unterricht den Grundstein dafür legen zu können.


Wie findet man Zugang zu sechs- bis zehnjährigen Schülern in Glaubensfragen?


Die Kinder bringen unterschiedliches Vorwissen mit, aber alle Kinder haben sich selbst schon Gedanken zum Glauben gemacht. 

Alle Kinder mögen Geschichten. Die Geschichten in der Bibel faszinieren die Kinder auch heute noch sehr. Es macht mir viel Freude, mit den Kindern biblische Geschichten zu lesen und zu erleben. 

Auf dem Schulhof fragen sie mich sogar in der Pause, wie die Geschichte weitergeht.  

Das hilflose Baby Moses z.B wurde der Prophet der Juden, Christen und Muslime. 

Das Thema „Beten ...  mit Gott reden“ ist für die Kinder eben so wichtig.   

Manche kennen Gebete aus dem Elternhaus oder dem Gottesdienst. Manche kennen keine.

Aber jedes Kind hat etwas, das es Gott mitteilen, um das es Gott bitten möchte, oder hat Fragen, die es Gott stellen möchte. (Das Vaterunser wird ab der 3.Klasse gelehrt).


Zeigen die Kinder Interesse und stellen sie Fragen, die vielleicht auch Erwachsene zum Nachdenken bringen?

Ja, auf manche Fragen habe ich auch nicht sofort eine Antwort. In meiner letzten Unterrichtseinheit in einer 3. Klasse zum Thema Moses stellten mir einige Kinder die Frage: „Warum hatte Gott die letzte Plage geschickt und dadurch viele Kinder sterben lassen? Sie hatten doch noch nichts Unrechtes getan?“

Man kann den Kindern darauf Antworten geben, aber man soll gerade bei der Glaubensfrage  nach dem „Warum?“ ehrlich zugeben, dass man an dieser Stelle selber nach einer  passenden  Antwort suchen muss, weil man die gleichen Fragen und Gefühle hat. 

Es ist nicht wie in der Mathematik, wo der Lehrer sofort die richtige Lösung der Aufgabe liefern kann. Hier erfordert die Suche nach der Antwort ein gemeinsames Überlegen.   

Der Lehrer bietet zwar Antworten an, die das eigene Denken der Kinder anregen, muss aber sehr aufpassen, was er sagt (nicht nur in der Religion). 

Denn die meisten Kinder glauben dem Lehrer alles, besonders dann, wenn sie einen Lehrer sehr mögen. Das ist eine große Verantwortung.


Haben Sie den Eindruck, dass der Glaube auf irgendeine Weise - sei es durch Gebete und/oder Gespräche - in den Familien thematisiert wird?


Wir haben, wie in allen Bereichen, sowohl Kinder, die großes Vorwissen mitbringen, als auch Kinder, die noch gar keine Berührung  mit Religion und Kirche hatten. Dann gibt es Schüler, die mir direkt in der ersten Religionsstunde mitteilen, dass sie nicht an Gott glauben und sofort ungefragt wissenschaftliche Erklärungen für die Nichtexistenz „Gottes“ liefern wollen. Das sind natürlich die Schüler, die einen auch in den folgenden Stunden am meisten herausfordern.

Ich beobachte aber, dass gerade solche Kinder sehr viel Interesse an biblischen Geschichten entwickeln und dass manche nach und nachihren Glauben an und ihr Vertrauen auf Gott entdecken.
So oder so – wir dürfen als Lehrer nicht darüber urteilen oder gar diese unterschiedlichen Voraussetzungen bewerten. Unser Unterricht muss so aufgebaut sein, dass wir allen Schülern gerecht werden. Mein Ziel ist es, durch meinen Religionsunterricht eine Basis zu schaffen, dass die Kinder mit Religion, mit Kirche und vor allem mit Gott etwas Positives verbindet. Ein schönes, angenehmes Gefühl, das man ein Leben langbehält, ganz egal, wie der weitere Glaubensweg aussieht.


Viele religiöse Themen, wie Auferstehung, die Geburt Jesu oder die Dreieinigkeit stoßen auch bei Erwachsenen auf Zweifel und Fragen. Wie gehen Kinder damit um?


Kinder glauben noch an Wunder und Engel. Das macht den Unterricht so interessant und lebendig. 

Eben dieses „nicht Normale“ berührt die Kinder sehr und lässt sie in die Geschichten eintauchen. 

Diese Fähigkeit der Kinder bewerte ich sehr hoch. 

Matthäus berichtet in der Bergpredigt (Matth.18, Vers 1-4), dass die Jünger zu Jesus kamen und fragten: „Wer ist der Größte im Himmel?“ Da rief er ein Kind herbei, stellte es in die Mitte und sagte: „Wahrlich, das sage ich euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, dann könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen.

Wir sollten von den Kindern lernen, unsere Begeisterungsfähigkeit zu behalten oder wieder zu entdecken. Und einfach zu glauben. 


Wir danken Ihnen, Frau Weiler, dass Sie Ihre Begeisterung für den Glauben und seine lebendige und warmherzige Weitervermittlung an Ihre Schüler mit uns geteilt haben!

Irmgard Granitzki und  Bernhard Niemann