Gemeinde leben

Evangelische Kirchengemeinde Oberpleis

 
 

Jahreslosung 2021:



Neujahrswünsche und Gedanken zur Jahreslosung 2021 von Pfarrer Arndt Klemp-Kindermann


Barmherzigkeit, liebe Gemeinde, ist eines der wichtigsten Worte in der Bibel. 

Es ist eine Eigenschaft Gottes sowohl im Alten wie auch im Neuen Testament. 154x kommt das Wort als Substantiv in der Lutherübersetzung vor, dazu noch 44x als Adjektiv.


 

Jesus Christus spricht: 
Seid Barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!
LUKAS 6,36

 

Am eindrücklichsten führt uns Lukas den Begriff vor Augen mit dem Jesusgleichnis vom barmherzigen Samariter. Der Arbeitersamariterbund hat hier seinen Namen her. Sofort hat man eine klare Vorstellung, was wohl mit Barmherzigkeit gemeint sein soll: Die menschenfreundliche Zuwendung an Hilfsbedürftige. 

Das jedenfalls – der Aufruf Jesu, sich den Schwächeren zuzuwenden – ist die klassische Bedeutung der Barmherzigkeit. 

Sie steht direkt im Zusammenhang mit dem wichtigsten Gebot der Bibel: „Du sollst deinen Nächsten/deine Nächste lieben, wie dich selbst.“ – Jesus sagt das immer in Kombination mit dem ersten aller Gebote, ohne das Nächstenliebe biblisch nicht denkbar wäre: „Du sollst Gott lieben, von ganzem Herzen und mit all deiner Kraft.“ – Was ändert dieser Gottesbezug? – Für Jesus ändert er alles. 

Für uns heute auch? Wenn ich mit Konfirmandengruppen über die zehn Gebote spreche, bekommen sie die Gebote zu Beginn als Papierkarten und legen sie in der Reihenfolge hin, die sie als sinnvoll erachten.

Meistens steht dann: „Du sollst nicht töten“ als erstes und das erste Gebot kommt irgendwo in der Mitte oder zum Schluss. 

Wenn ich frage, wieso, dann offenbart sich meistens die Unsicherheit, was mit diesem Gebot eigentlich gemeint sei, da das ja zum Beispiel auch als schwierig für einen toleranten Umgang mit Andersgläubigen ausgelegt werden könnte. 

Wenn wir dann die einzelnen Gebote durchsprechen, verändert sich die Rangfolge meistens doch noch und das erste Gebot rückt zumindest deshalb wieder an erste Stelle, weil der Pfarrer das so gelehrt hat… 

Meistens aber kann ich mit Freude erkennen, wie die Jugendlichen etwas sehr Wesentliches aus der Bibel zu verstehen beginnen: Wir Menschen sind großartige Geschöpfe nicht weil wir wichtiger als alles andere wären, sondern weil wir Ebenbilder Gott sind, weil wir eine unverlierbare und geschenkte Würde besitzen, die uns der barmherzige Gott aus reiner Liebe zu uns, seinen Kindern, verliehen hat und zwar um zu lieben. 

Hier liegt einer der wichtigsten Grundgedanken der Bibel, der sogar in unserem Grundgesetz Niederschlag gefunden hat und deshalb, denke ich, ist auch bisher noch der Gottesbezug im Grundgesetz verblieben. 

Hinter ihm verbirgt sich die vage Ahnung, dass wir uns nicht uns selbst verdanken und dass man sich Menschsein nicht verdienen kann, dass man als Mensch vor dem Gesetz weder illegal noch wertlos sein darf, weil man sonst ganz schnell wieder da ankommt, wo uns die schlimmste Epoche deutscher Geschichte hingeführt hatte: zu Rassenwahn und menschenverachtender Grausamkeit mit Massenvernichtung von Leben, von Menschen, von Ebenbildern Gottes und damit – so muss man der Argumentation der Bibel und besonders Jesu folgen – und damit der Tötung Gottes im Nächsten/in der Nächsten. – Das Kreuz Christi bedeutet zuletzt ja nichts anderes als das: Menschen töten den menschgewordenen Gott am Kreuz und dieser menschgewordene Gott überwindet für uns den Tod aus Barmherzigkeit, aus Barmherzigkeit gegen ein Menschengeschlecht, dass es aus eigener Kraft nicht schafft, mit sich selbst barmherzig umzugehen. 

Den KonfirmandInnen erkläre ich das erste Gebot meistens mit Beispielen aus der NS-Zeit, als die NS-Ideologie für uns heute klar und deutlich Gott durch Führerkult und Rassenideologie ersetzt hatte und sich selbst – den Herrenmenschen – mit jeglichem Recht ausstattete, sich über Schwächere zu erheben und sie durch Morden und Unterwerfung auszubeuten. 

Gott dagegen, der der Schöpfer der ganzen Welt ist, der alle Menschen gleich geschaffen hat, mit gleicher und unverlierbarer Würde, wenn man an den glauben will, dann muss man automatisch seine Schöpfung respektieren und seine Mitgeschöpfe achten. 

Und wenn man dann auch noch Jesus folgen will, muss man sogar soweit gehen und im Mitmenschen eine Gottesbegegnung erwarten wollen, weil Jesus genau das mit Matthäus 25, 40 verheißen hat: 


„Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ 


Barmherzigkeit ist also nicht nur ein ethischer Apell, den Schwächeren zu helfen oder eine romantische Gefühlsduselei, in der es darum geht, ab und zu mal zu Spenden oder mit Nettigkeiten auf die Nachbarn zuzugehen. 

Nein – Barmherzigkeit ist vermutlich das wichtigste Konzept der Bibel, um unser Menschsein grundlegend zu definieren, damit man als erstes und als letztes in seinem Leben begreift, wer man eigentlich ist und wer man besonders im Verhältnis zum Mitmenschen sein soll: Kinder Gottes, mit königlicher Würde ausgestattet und begnadet mit der Fähigkeit, einander in Nächstenliebe barmherzig zu behandeln, wenn es darum geht, Frieden, Ausgleich und Gerechtigkeit zu suchen. 

Denn das ist Gottes Gerechtigkeit mit uns – keine Verdienstgerechtigkeit, nach der wir vermutlich alle als Menschen mit Fehlern und Abgründen weit weniger verdienen, als wir es glauben – seine Gerechtigkeit ist lebenspendende Barmherzigkeit, ohne die wir schlicht keine Luft zum Atmen hätten. 


Was bedeutet das heute? 

Was kann uns das für einen Neustart im Jahr 2021 sagen? 


Ich wünsche Ihnen und uns allen, dass wir aus der ganzen Krisensituation der vergangenen Monate mit den Einschränkungen unserer persönlichen Freiheiten für das Wohl der Schwächeren, dass wir lernen, unsere Bedürfnisse und die unserer Mitmenschen gleichranging zu betrachten und dadurch einen neidlosen Blick für unsere Mitmenschen gewinnen, einen dankbaren Blick für das Leben, dass wir trotz der Corona-Krise in Sicherheit und mit guter Gesundheitsversorgung führen dürfen und dass wir tatsächlich Barmherzigkeit finden, für uns selbst und unsere Ansprüche an das Leben. 

Aber vor allem lassen Sie uns nach Barmherzigkeit suchen für all die, die unter den Verhältnissen unserer Welt massiv zu leiden haben: 


Den Einsamen in unserem Land und den geschundenen Kreaturen weltweit, 

seien es Arbeitssklaven in asiatischen Fabriken, 

Kindersoldaten in Afrika 

oder Flüchtlinge an den Grenzen unseres reichen Kontinents.


Barmherzig sein mit sich selbst heißt hier nicht, sich die Last der ganzen Welt aufzuladen.

Das hat Christus für uns getan. 

Dafür ist in ihm Gott auf die Welt gekommen, dafür feiern wir Weihnachten, das ist Erlösung.

Sondern barmherzig sein mit sich selbst heißt, sich an dem Leben zu erfreuen, das uns Gott schenkt und in der Freude darüber zu teilen, was man hat, damit die Freude Kreise ziehen und die Barmherzigkeit wachsen kann. 

Es kann da um Zeit gehen, um Geld oder Tatkraft. 

Was können Sie teilen, um damit dem Leben zu dienen? 

Ich glaube, da fällt Ihnen etwas ein. Manchmal ist ein Lächeln oder ein tröstendes Wort wertvoller als 1000 €. 

Da traut uns Gott eine Menge an Kreativität zu.

Lassen Sie uns mit dem Gedanken, dass Gott uns barmherzig anschaut, ins neue Jahr gehen, unterstützt durch den Gedanken, den Albert Schweizer so schön in Worte gefasst hat: 

„Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“


Gott sagt uns: Wir dürfen leben, es ist unser Geschenk.


Machen wir etwas daraus, zu seinem Lob und unser aller Freude.


Ihr neuer Pfarrer Arndt Klemp-Kindermann