Gemeinde leben

Evangelische Kirchengemeinde Oberpleis

 
 

Predigt zum nachlesen

Herzlich Willkommen in unserer neuen Rubrik "Predigt zum nachlesen". 

Wir freuen uns, dass Pfarrer Arndt Klemp-Kindermann damit einverstanden ist, seine gehaltene Predigt, hier auf unserer Homepage für Sie zum nachlesen zu veröffentlichen.


Gerade in den aktuell schwierigen Zeiten, wo nicht jeder in die KIrche kommen möchte, bietet sich Ihnen nun die Gelegenheit, die Predigt zumindest "nach zu lesen" und so, zumindest online, an unserem Gemeindeleben und unserem Gottesdienst teilzunehmen.


Wir wünschen Ihnen dabei viel Spaß...


Andacht zum 3. Sonntag nach Epiphanias

24. Januar 2021 für die evangelischen Gemeinden im Siebengebirge aus der Bartning Notkirche in Oberpleis

mit Pfarrerin Haase-Schlie und Pfarrer Klemp-Kindermann


Zur Begrüßung

Liebe Gemeindeglieder im Siebengebirge,

ich begrüße Sie herzlich zu unserem wöchentlichen Andachtsimpuls aus einer unserer 6 Kirchen im Sieben-gebirge, heute aus der Bartnig-Notkirche in Oberpleis. Diese Woche schreibt uns Pfarrerin Haase-Schlie aus Heisterbacherrott die Andacht zu dem Predigttext aus dem Buch Ruth. Zugleich können Sie auch die Andacht als Online-Gottesdienst auf unserem gemeinsamen You-Tube-Kanal: „Evangelisch im Siebengebirge“ anschauen.


Ich weiß nicht, wie Sie die letzten Tage und vor allem den Mittwoch erlebt haben? Mich hat das pathetische Prozedere der Amtseinführung in den USA schon irgend-wie fasziniert. Aber wirklich gefesselt hat mich der Auf-tritt der 22jährigen Dichterin Amanda Gorman bei dieser Amtseinführung. Sie ist jung, mutig und als „Black American“ immer wieder Rassismus ausgesetzt. Sie jongliert mit Worten, als ob sie nie etwas anderes ge-macht hätte, dabei fiel ihr selbst früher das Sprechen schwer: Poesie war für sie der Weg, ihr Sprach-Handicap zu überwinden. Die Vision von etwas Gutem, der Traum, als Mensch frei und zum Leben berufen zu sein, ein Ebenbild Gottes, geliebt und wertvoll zu sein, egal wel-cher Hautfarbe oder Gesellschaftsschicht oder welchen Geschlechts, trieb sie an. Und dieser Traum ließ sie wundervolle Worte für eine gespaltene und geschunde-ne Nation finden, glühender, lebendiger als alle anderen Worte dieses Tages. Sie schloss ihr flammendes Gedicht für mehr Menschlichkeit so: „…wir werden wieder aufbauen, uns versöhnen und erholen… Denn es gibt immer Licht, wenn wir nur mutig genug sind, es zu sehen, wenn wir nur mutig genug sind, es zu sein.“


Ich glaube, dass diese Worte auch uns gelten, heute hier in Deutschland unter Corona-Bedingungen, mit den All-tagsproblemen und der Verunsicherung durch Querdenker und Rechtspopulisten… In diese Richtung, ins Licht, zielt auch der Wochenspruch aus dem Lukasevangelium: Jesus spricht hier von einer großen Bewegung der Versöhnung, in der sich Menschen auf Gott einlassen. Und wo sie sein Licht leuchten lassen – wie die vielen Menschen, die sich für unser Gemeinwohl auf allen Ebenen einlassen und einsetzen – da scheint der Horizont von Gottes Welt auf:


Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.“ (Lk 13,29)


Lassen Sie uns diese Hoffnung mit in die kommenden Tage nehmen: Da ist Licht in unserem Leben, das Licht der Liebe Gottes und da kann Licht durch uns in diese Welt kommen, wo wir auf Gott gemeinsam zugehen und einander als seine Kinder anschauen. Das gelang auch Menschen, von denen die Bibel berichtet, davon können Sie in der Andacht von Pfarrerin Haase-Schlie mehr lesen… Zugleich können Sie sich auch an der Aktion #lichtfenster beteiligen, zu der besonders unser Bundespräsident Steinmeier aufgerufen hat: Ein Zeichen der Verbundenheit und des Gedenkens an die Verstorbenen durch die Corona-Pandemie jeden Abend eine brennen-de Kerze ins Fenster zu stellen. Abschließen soll die Aktion mit einer Gedenkfeier für alle Verstorbenen nach Ostern. Auch wir versuchen zusammen trotz Abstand diese Krise zu bewältigen und wollen die nicht vergessen, die Opfer geworden sind.


Frank-Walter Steinmeier sagt dazu: „Wir stellen ein Licht ins Fenster. Ein Licht der Trauer, ein Licht der A-teilnahme, ein Licht des Mitgefühls. … Wir stellen ein Licht ins Fenster, weil wir wissen: Überall in unserem Land leiden Menschen. Wir trauern mit den Angehö-rigen. Wir wünschen den Kranken schnelle Genesung. Mit unseren 'Lichtfenstern' rufen wir einander zu: Die Toten der Corona-Pandemie sind für uns keine bloße Statistik. Auch wenn wir ihre Namen, ihre Familien nicht kennen – wir wissen: Jede Zahl steht für einen geliebten Menschen, der uns unendlich fehlt. Deutschland stellt ein Licht ins Fenster, weil jedes 'Lichtfenster' uns miteinander verbindet. Unser Licht spendet Wärme, unser Licht zeigt Mitgefühl in einer dunklen Zeit. Stellen wir also ein Licht ins Fenster – und geben wir acht aufeinander.“


Und ich möchte ergänzen: Wir können füreinander beten, uns gegenseitig mit in gute Gedanken nehmen und auch dadurch Verbundenheit leben, die sich auf unser Verhalten füreinander auswirken kann. Und ich glaube, auch das kommt durch die biblischen Personen Ruth und Naomi gut zum Ausdruck, aber lesen sie selbst…

Ihr Pfr. Arndt Klemp-Kindermann


Predigt zu Ruth 1,1-19a von Pfn. Haase-Schlie

Liebe Gemeinde,

noch ein wenig müde zieh ich am vergangenen Montagmorgen den Generalanzeiger aus dem Briefkasten. Schlagartig fällt mein Blick auf den Aufmacher, ganz oben auf der Titelseite: Kirchen verlieren Gläubige. Bin sofort wach. Natürlich weiß ich das. Trotzdem tun sie weh, diese drei Worte auf der ersten Seite unserer Tageszeitung. Weiterführend heißt es dann noch: Termine für den Austritt beim Amtsgericht bis März ausgebucht. Na prima! Wie schön wäre es, wenn es mal hieße: Menschen treten in Scharen ein, Kirchengebäude kommen an ihre Grenzen… Menschen treten aus – und haben ihre Gründe. Viele Katholiken und auch Protestanten. So ist das aktuell. Etwas ernüchtert setzte ich mich an den Schreibtisch, um mit Gott darüber zu reden und Gedanken zu sammeln für diesen kleinen Videogottesdienst. Und da – wie so oft, mischt Gott sich ein: in die Tagespresse und mischt auf, meine und viel-leicht auch ihre Gedanken, mit einem wunderschönen Bibeltext, der für den heutigen Sonntag vorgesehen ist.


Wo du hingehst, da will auch ich hingehen, wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.“ (Ruth 1,16)


Vermutlich kommen ihnen diese Worte aus dem heutigen Predigttext, bekannt vor. Es geht ganz zentral um Treue zwischen Menschen und zu Gott! Hochzeitspaare wählen diese Worte aus dem Buch Ruth gerne als Trauspruch. Die wenigsten wissen allerdings, dass diese Worte gar nicht von einem Mann zu einer Frau oder einer Frau zu einem Mann gesprochen wurden. „Wo du hingehst, da will auch ich hingehen“, das sind Worte, die eine Frau, Ruth zu ihrer Schwiegermutter spricht. Die Geschichte hinter diesen Worten handelt etwa in der Mitte des 12. Jahrhunderts vor Christus: Elimelech, ein Mann aus Bethlehem, zieht mit seiner Frau Naomi und seinen beiden Söhnen fort in das Land Moab. Bethlehem, was übersetzt bedeutet: „Haus des Brotes“, hat kein Brot mehr. Eine Hungersnot ist in Israel ausgebrochen und so treibt es die Familie weg aus ihrer Heimat. Wirtschaftsflüchtlinge würde man sie heute nennen. Und ich sehe vor mir die Bilder aus der vergangenen Woche: 1000 Flüchtenden aus Honduras. Männer und Frauen, Kinder auf der Schulter und unter dem Arm auf dem Weg in eine ungewisse Zukunft, im Gepäck ein wenig Hoffnung auf besseres Leben. Nach der Ankunft stirbt Elimelech sehr bald in Moab und seine Söhne nehmen sich dort Frauen aus der dortigen Bevölkerung: Orpa und Rut. Und dann sterben auch noch beide Söhne. Die drei Frauen haben keinen mehr, der sie versorgt. Witwenren-te gibt es nicht. Wie in vielen Ländern bis heute...


Auch diese drei Frauen suchen nach einem Ort, an dem sie leben können. Naomi will in ihre Heimat nach Bethlehem zurückkehren. Sie hat gehört, dass die Hungers-not dort vorbei ist und weiß, dass in Israel ein gewisser Schutz für Witwen garantiert wird. Ein Stück gehen die drei Frauen noch zusammen, doch dann fordert Naomi ihre Schwiegertöchter auf, nach Moab zurückzukehren. Sie weiß, dass die beiden als Fremde in Israel nicht gut aufgenommen werden. Und sie will für ihre Schwiegertöchter das Beste. Sie sollen eine neue Chance erhalten, einen Mann zu finden und glücklich zu werden. Deshalb will sie allein weitergehen. Orpa lässt sich von ihren Argumenten überzeugen und kehrt zurück nach Moab. Ruth aber weigert sich standhaft. Sie antwortet Naomi mit den Worten, die zum Zentrum der Geschichte werden:

„Bedränge mich nicht, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte“, sagt sie. „Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der HERR tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden.“

Wörtlich heißt es. Ruth hängte sich an sie. Dieses „Anhängen“ meint hier eine Liebe, die sich binden will. Das hebräische Wort dazu hat die Bedeutung „kleben", „an etwas haften". „Anhängen“ meint hier eine feste Verbin-dung, die nicht mehr gelöst werden kann. Die Entscheidung von Ruth für das Zusammenbleiben mit Naomi ist endgültig. „Nur der Tod wird mich und dich scheiden", sagt sie. Und so binden sich Beide aneinander in ihren Schwächen und Stärken: Die Ausländerin Ruth braucht die einheimische Naomi, um Fuß im anderen Land zu fassen und die alternde Naomi kann nicht mehr für sich selbst sorgen. Beide Frauen brauchen den Schutz der anderen, um zu überleben.


Ruth und Naomi: Sie sind Vorbilder für den Glauben und für tiefe Freundschaft. In ihrer Zuneigung zeigt sich etwas von Gott, „der auch aus dem Bösesten noch Gutes entstehen lassen kann und will“ (Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, DBW Band 8, 30f). Der Trauer über den Verlust der Männer und der scheinbaren Perspektivlosigkeit setzen sie ein: „Wir schaffen das!“ entgegen. Vereint und mit dem Segen Gottes schaffen sie es tatsächlich. Der Weitergang der Geschichte berichtet davon, wie Naomi und Ruth zurück in Bethlehem ihren Alltag meistern. Dort fällt Ruth durch ihr couragiertes Verhalten bald auf: Fremd im Land, fremd in der Sprache und fremd in der Religion nimmt sie diese Herausforderung an. Aus Liebe zu der älteren Frau lebt sie sich nicht nur in der neuen Hei-mat ein, sie hält sich von nun an zum Gott Israels. Gottvertrauen und Unerschrockenheit werden belohnt. Gemeinsam mit ihrer Schwiegermutter findet Ruth mit einer kleinen List einen neuen Ehemann und bekommt einen Sohn. Damit wird sie zur Urgroßmutter von König David und bekommt sogar einen Platz im Stammbaum Jesu.


Ruth und Naomi machen mir Mut. Inmitten von Kirchenskandalen, wegbrechenden Mitgliederzahlen und Mangelerfahrungen zeigen sie uns, wie man in schweren Zeiten weitergehen kann: in tiefer, treuer menschlicher Verbundenheit und in der Verankerung im festen Glauben an Gott. Menschen haben ihre Gründe, warum sie sich abwenden, so wie Orpa. Menschen können sich aber auch entscheiden, gemeinsam weiterzugehen und dann auch neue Wege einzuschlagen. Leicht ist das nie – aber wir gehen ja nicht allein weiter. Gottes Botschaft und sein Auf-trag an uns bleiben. Und er geht mit. Und er gibt Men-schen, die ihm so vertrauen, seinen Segen. Kirchen verlieren Gläubige – o.k., so ist das gerade. Aber Gott gewinnt auch immer wieder Menschen – und sie mit ihm. So war das bei Naomi und Ruth und so wird das auch bei uns sein, immer wieder, auch hier im Siegengebirge, in und außerhalb von Kirchen. Ich auf jeden Fall will gerne weiterhin kleben bleiben an Gott und an den Menschen, die er mir auf meinem Lebensweg an die Seite gestellt hat. – Amen.